Alphabet – FilmTipp

Dass wir Kindheit als Entwicklungs- und Lebensphase betrachten, ist eine noch junge Errungenschaft. Erst mit der Epoche der Aufklärung kommt es zu dieser Differenzierung, wie Philippe Ariès es in seiner Geschichte der Kindheit beschreibt. Kindheit stellt eine besonders wichtige Zeit im Leben eines Menschen dar. Sie sollte durch Liebe und Geborgenheit  gekennzeichnet sein. Setzen wir diese Errungenschaft aufs Spiel?
Wir alle wollen unseren Kindern mit einer guten Ausbildung die bestmögliche Zukunft ermöglichen. Den meisten Eltern ist kein Opfer zu groß, um ihre Kinder auf eine gute Schule zu schicken, und – wenn nötig – zusätzlich noch Nachhilfe-stunden und schulbegleitende Kurse zu bezahlen. Bildung ist ein boomendes Geschäftsfeld geworden. Leistung ist inzwischen das dominierende Bildungsziel, und das synonym dafür ist Pisa. Am Beginn des Films begleitet Erwin Wagenhofer den Pisa-Koordinator Andreas Schleicher auf einer Chinareise. Hier werden den Schülern permanent Höchstleistungen abverlangt. nirgendwo sonst haben die Kinder ein derartiges Lernpensum zu absolvieren. Kreativität und Phantasie hingegen gehen im gnadenlosen Drill weitestgehend verloren. Dennoch steht China bei den Pisa-Ergebnissen weltweit genauso unangefochten an der Spitze wie bei der Anzahl junger Menschen, die durch Selbstmord ums Leben kommen. Der chinesische Erziehungswissenschaftler Yang Dongping zieht für sein Land ein bitteres Resümee:„Unsere Kinder gewinnen am Start und verlieren im Ziel.”
Auch der Wettbewerb „CEo of the Future”, der alle zwei Jahre veranstaltet wird, steht unter der Maxime der Leistung. Die jungen Finalisten haben nur ein Ziel vor Augen: in möglichst kurzer Zeit eine möglichst steile Karriere zu machen. Vor laufender Kamera erklären sie ihre Bereitschaft zum Verzicht auf Freizeit und Familie zugunsten ihres beruflichen Aufstiegs.

Arno Stern widmet sich seit mehr als 60 Jahren der Förderung der Kreativität – hauptsächlich, aber nicht nur – jener von Kindern. Respekt vor der Eigenständigkeit der Kinder und die behutsame Ermunterung, ihre Potentiale zu entdecken und zu entwickeln, ist sein Credo. Sein eigener Sohn André hat nie eine Schule besucht und ist ein Multitalent, das sich in mehreren Berufen behauptet hat.
Der Hirnforscher Gerald Hüther bringt es auf den Punkt: „Sie können keinen Menschen bilden, hirntechnisch geht das nicht. Der kann sich nur selber bilden, aber der bildet sich nur selber, wenn er will. Und sie können keinen zwingen, dass er sich bilden will, sondern sie können ihn nur einladen. Und das ist Erziehungskunst.”

Ein höchst brisanter Dokumentarfilm – ausgezeichnet mit dem Prädikat besonders wertvoll (FBW)

Alphabet

Dokumentarfilm. Österreich
Erwin Wagenhofer

Filmstart: 31.10.2013

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