Buchtipp: „Femizide. Frauenmorde in Deutschland“

Femizide

Heute, am 25. November, ist der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Die Statistik legt eine furchtbare und traurige Zahl offen: Im Jahre 2020 wurden laut einer aktuellen Kriminalstatistik zur Partnerschaftsgewalt bundesweit 146.655 Fälle registriert, in denen ein aktueller oder ehemaliger Partner Gewalt ausübte oder dies versuchte. Das entspricht einem Anstieg um 4,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Von einer hohen Dunkelziffer muss ausgegangen werden.

132 Frauen wurden von ihren (Ex-)Partnern getötet, so die bundesweite Polizeistatistik weiter. Hunderte Kinder werden so jedes Jahr zu (Halb-)Waisen, viele sind Zeugen der Morde.

Die Journalistinnen Julia Cruschwitz und Carolin Haentjes sahen darin Gründe genug, um den Blick auf die Hintergründe der Frauenmorde zu legen. In Ihrem Buch „Femizide“ recherchierten und befragten sie in Deutschland Wissenschaftlerinnen, Kriminologinnen, Polizistinnen, Sozialarbeiterinnen, Anwält*innen, Überlebende, Zeugen und Angehörige. Und sie gehen zurück in die 1970-er Jahre, als die amerikanische Feministin und Soziologin Diana Russel zu Crimes Against Women wissenschaftlich gearbeitet und erstmals von Femiziden gesprochen hatte. Sie legte den Grundstein dafür, dass diese Morde nicht abgetan wurden als Ehestreitigkeiten oder Eifersuchtsdramen, sondern genau hingeschaut werden muss.

Denn wie auch das Buch der Journalistinnen zeigt, sind Femizide ein gesamtgesellschaftliches Problem, das weltweite Bedeutung hat. Im Jahre 2014 trat deshalb die Konvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt als völkerrechtlicher Vertrag in Kraft. Er soll „Frauen vor allen Formen von Gewalt schützen und Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt verhüten, verfolgen und beseitigen“.
Sieben Jahre danach legte eine unabhängige Expertengruppe GREVIO einen ersten Bericht für Deutschland vor. Sie stellt einen dringenden Handlungsbedarf fest.

Schutz von Frauen vor männlicher Gewalt

Die Definition von Femiziden ist sehr weitreichend und zeugt von den vielfältigen Gründen, warum Männer, Frauen – und in dieser Definition auch Mädchen und weibliche Embryonen – töten. Und hinter diesen Fällen zeigen die Autorinnen durch ihre Berichte die Wirklichkeit verschiedenster brutaler Morde, Mordversuche, Stalking und Belästigungen auf.

Täterarbeit ist Opferschutz

Wie kommt es zu solchen Taten, wer sind die Männer, die sie ausführen? Gibt es typische Merkmale des Tatverlaufs, der Täterprofile und vieles mehr? Alles Fragen, bei deren Beantwortung es darum geht, ein Phasenmodell zu erstellen. Dies führt zu einem Hochrisiko-Management, mit dem die verschiedenen öffentlichen beteiligten Stellen Handlungsstrategien an die Hand bekommen, um präventiv arbeiten zu können. Ein guter Ansatz, der leider in vielen Bundesländern bei der Prävention von Femiziden noch keinen Eingang gefunden hat. Zudem müssen Justiz und Behörden wie Jugendamt, Sozialämter dringend zusammenarbeiten, um frühzeitig Bedrohungen entgegenwirken zu können.

Das Buch macht zudem deutlich, wie wichtig die seit mehr als 40 Jahren bestehenden Frauenhäuser sind. Mangels ausreichender Finanzierung befinden sie sich immer am Limit und haben oft lange Wartezeiten, bevor sie akut gefährdete Frauen und ihre Kinder aufnehmen können. Zeit, die die Betroffenen jedoch nicht haben.

Das Buch konfrontiert mit Täteraussagen, stellt das Leid der Frauen und Kinder, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, dar und berichtet von den oft unfassbar milden Strafen, mit denen die männlichen Täter davonkommen. All das wird präzise mit Hintergrundinformationen untermauert. Dabei wird nicht übersehen, dass auch immer noch spezifische Sozialisations- und Erziehungsmuster Männer – und Frauenrollen und Identitäten festschreiben, die Frauen als minderwertig und dem Mann unterlegen ansehen.

Femizide ist ein sehr umfassendes, informatives und wichtiges, sehr gut recherchiertes Buch.

Femizide
Frauenmorde in Deutschland
2021.

Autorinnen: Julia Cruschwitz und Carolin Haentjes

ISBN 978-3-7776-3029-8
216 S.
S. Hirzel Verlag

Über die Autorinnen
Julia Cruschwitz studierte Kommunikationswissenschaften in Leipzig und Madrid. Seit 2003 arbeitet sie als freie Autorin fürs Fernsehen, vor allem für die Politmagazine FAKT und exakt des Mitteldeutschen Rundfunks. Für ihre Beiträge wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Carolin Haentjes arbeitet seit ihrem Studium der Politik-, Kultur- und Literaturwissenschaften als freie Journalistin und Feature-Autorin, unter anderem für das Deutschlandradio und den Mitteldeutschen Rundfunk.

https://www.hilfetelefon.de

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