Die Mittelschicht in Deutschland schrumpft seit 15 Jahren

Die Expansion und Stärkung der gesellschaftlichen Mitte ist über viele Jahrzehnte ein wesentliches Charakteristikum der Entwicklung westlicher Wohlfahrtsstaaten gewesen . Das Wachstum und die Stabilität der Mittelschicht stoßen nun möglicherweise an ihre Grenzen. Betrachtet man die Entwicklung der Mittel-schicht anhand des verfügbaren Haushaltseinkommens, so ist seit 1997 ein deutlicher Schrumpfungsprozess für die Einkommensmittelschicht in Deutschland zu beobachten. Lag der Anteil dieser Gruppe gegen Mitte der 90er Jahre noch bei 65 Prozent, so hat sich dieser bis 2010 nahezu kontinuierlich auf 58 Prozent reduziert. Dabei hat die Abwärtsmobilität in den vergangenen 20 Jahren dominiert. Parallel zu dieser Entwicklung nimmt die Verharrungstendenz an den Rändern der Einkommensschichtung zu. Bei einem Abstieg einer Person aus der Mittelschicht fällt es ihr heute schwerer, wieder in höhere Einkommensschichten aufzusteigen. Der Schrumpfungsprozess betrifft darüber hinaus Personen in Ostdeutschland stärker als in Westdeutschland. Auch mit Blick auf das Vermögen kann der Befund einer schrumpfenden Mittelschicht bestätigt werden. Die mittleren Vermögensgruppen verzeichnen zwischen den Jahren 1995 und 2010 einen Rückgang um knapp sechs Prozentpunkte. Diese Entwicklung ist in Westdeutschland ausgeprägter als in Ostdeutschland, wobei die Vermögen im Ostteil des Landes weiterhin noch deutlich niedriger liegen als im Westen. Fasst man beide ökonomischen Größen zusammen, zeigt sich eine zunehmende Polarisierung.

Die historische Entwicklung hin zur Mittelschichtgesellschaft resultierte aus einem kontinuierlichen Aufstiegsstrom aus den unteren Schichten. Diese Dynamik absoluter Aufwärtsmobilität scheint trotz anhal-tender Bildungsexpansion deutlich erlahmt zu sein. Dies bedeutet, dass die Mitte nicht mehr aus dem Zustrom von Aufsteigern wächst. Gleichzeitig gibt es aber heute durchaus noch Aufstiegsprozesse aus der Mitte in die oberen Einkommensschichten. Diese Bewegung von wenigen aus der Mitte nach oben ersetzt und dominiert die erlahmte Aufstiegsbewegung vieler von unten in die Mitte.

Mit der Erschöpfung der Expansion der Mittelschicht gehen neue Verunsicherungen einher. Es zeigen sich auch in der bislang gut positionierten Mittelschicht wachsende Wohlstandssorgen. Neben den unteren Schichten sieht ein nicht geringer Anteil der Mittelschicht die langfristige Sicherung und Mehrung des Wohlstands skeptisch. Allerdings zeigen die Befunde auch, dass Deutschland im internationalen Vergleich immer noch relativ gut dasteht. Vor allem im Vergleich mit Osteuropa und den südeuropäischen Ländern erscheint die Stellung der deutschen Mittelschicht nach wie vor als privilegiert.

Das gilt ebenso für den Sorgenpegel, der in einigen der europäischen Länder deutlich höher ist. Während in Deutschland nur 18 Prozent der Mittelschicht Schwierigkeiten haben, mit dem monatlichen Einkommen
auszukommen, schätzen die Haushalte der Mittelschicht z . B . in Frankreich (65 %), Polen (75 %), Italien (78 %), aber auch in Rumänien (88 %) ihre finanzielle Situation deutlich schwieriger ein.
Unerwartete finanzielle Belastungen in länderspezifischer Höhe stellen die Mittelschicht in vielen Ländern darüber hinaus vor größere Schwierigkeiten. Mehr als die Hälfte der Haushalte in Polen, Bulgarien, Ungarn und Lettland sind nach eigener Auskunft nicht in der Lage, unerwartete Ausgaben zu bestreiten. In Deutschland liegt der Anteil der Haushalte in der Mittelschicht, die diese Einschätzung teilen, hingegen bei 30 Prozent . Die subjektive Einschätzung der eigenen wirtschaftlichen Lage ist demnach im internationalen Vergleich in Deutschland insgesamt durchweg positiver.
http://www.bertelsmann-stiftung.de

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