Anfassen erlaubt – wie wichtig Berührung ist

Psychologen untersuchen seit jeher Stimme oder Gesichtsausdruck als Überträger von Emotionen im kommunikativen Handeln. Und so wissen sie, dass etwa eine warme Stimme unter dutzenden Signalen als universales menschliches Vokabular überall auf der Welt die gleiche Bedeutung hat.

Doch in den letzten Jahren haben Forscher begonnen, eine besondere Form der nonverbalen Kommunikation zu studieren, die Berührung: Ob überschwängliches Abklatschen mit der Hand, das Auflegen der Hand auf die Schulter oder eine kurze Berührung des Arms, all dies zeigt Emotionen und ruft auch solche hervor. Manchmal sogar stärker und schneller als es Worte können.
Das Berühren ist die erste Sprache, mit der wir in Kontakt kommen und bleibt auch während des Lebens die reichste Ausdrucksform. Betrachten wir nur die Beziehung zwischen Mutter und Säugling, die zu Anfang ausschließlich aus Körperkontakt besteht. Erst später wird sie durch audio-visuelle Kontakte ergänzt.

Solche körperlichen Botschaften führen zumeist zu klaren, sofortigen Änderungen des Denkens und Handelns des Menschen.
Hier zwei Beispiele: So waren Schüler, die von ihrem Lehrer am Arm oder Rücken berührt wurden, nahezu doppelt so gerne bereit, freiwillig in Schulklassen zu helfen als Schüler, die diese taktile Zuwendung nicht erhielten. Eine verständnisvolle Berührung durch einen behandelnden Arzt lässt den Patienten mit dem Gefühl zurück, der Besuch hätte doppelt solange gedauert im Vergleich zu Patienten, die nicht körperlich berührt wurden.

Eine reiche Sprache, deren Vokabular noch nicht vollkommen entschlüsselt ist
Forscher haben eine Reihe von Studien durchgeführt, um diese Entschlüsselung voran zu bringen. Untersuchungen an der Mc McMaster University in Ontario/Kanada konnten zeigen, dass Frauen einen sensibleren Tastsinn auf-weisen als Männer. Grund sind die kleineren Finger, die Frauen in der Regel im Vergleich zu Männern haben. Kinder haben ebenfalls eine größere Sensitivität in den Fingerspitzen als Erwachsene.
Dr . Andy Bremner von der Goldsmiths University of London, der dies bei Kindern untersuchte, glaubt: “Kinder erhalten deshalb besonders viele Informationen über ihren Tastsinn, weil aufgrund ihrer kleineren Hände und Körper die Rezeptoren dichter beieinander liegen.” Eltern und Erzieher sollten dies berücksichtigen und nochmal nach-denken, bevor sie sagen : „Nur anschauen, nicht anfassen!“

Taktile Erfahrungen sind komplexe Geschehnisse
Nicht nur eine Reflexzonentherapie, sondern auch ganz einfache Berührungen haben eine erstaunliche Kraft. Sie können sogar heilen. In manchen Kliniken werden deshalb spezielle Massagetechniken bei Krebspatienten oder Herzpatienten angewandt.
Dr. Tiffany Field, Leiterin des „Touch Research Institute“ an der „University of Miami School of Medicine“, hat den Nutzen von Berührungen schon vor vielen Jahren untersucht. Ihrer Ansicht nach können vielerlei Formen taktiler Berührung Schmerzen reduzieren, Angst und Depressionen mildern sowie aggressives Verhalten ändern. Auch das Immunsystem profitiert davon, ebenso wie der Blutdruck. Selbst die Häufigkeit von Asthamanfällen lassen sich beeinflussen. Ablesen kann man die Bedeutung der menschlichen Berührung auch daran, dass ihr jahrelanges Fehlen, zu gewalttätigem und aggressivem Verhalten führt.

Normalerweise gehen wir davon aus, dass Berührung nur dazu dient, kommunizierte Gefühle zu intensivieren. Doch sie ist mehr. Sie ist ein differenziertes Signalsystem, von dessen Einsatz selbst Sportteams profitieren. Wissen-schaftler der Berkley Universität analysierten Interaktionen in einer körperlich sehr ausdrucksstarken Arena, dem Basketballspiel.
Spieler, die konstant und andauend Berührungskontakt zu ihren Spielpartnern während des Spiels herstellten, tendierten auch dazu, ein Höchstmaß an Leistungen zu erzielen. Das Team schien aus diesen Spielern auch das Beste herausholen zu können. Gute Teams zeigen eine „verbundende Interaktion“, wie, sich beim „Abgeben“ unterstützen oder bei Erfolg „Abklatschen“. Kurz, die Studie konnte zeigen, dass körperliche Berührung bessere Leistung aus Spieler und Team herausholt.

Vertrauen macht stark
Warum das nicht nur beim Sport, sondern in der Schule und am Arbeitsplatz so ist, erklärt die Wissenschaft mit Stressreduktion. Ein warmer Händedruck oder die Berührung des Arms setzt das Hormon Oxytocin frei, das hilft, ein Vertrauensgefühl herzustellen und das Stresshormon Cortisol im Körper zu reduzieren.
Der Gehirnbereich, der Emotionen reguliert, kann sich entspannen und ist somit frei, seine eigentliche Aufgabe zu erledigen, das Problemlösen. Der Körper interpretiert die unterstützende Berührung mit: „Wir teilen uns die Arbeit“:
Menschen gehen Partnerschaften und Beziehungen auch aus diesem Grund ein. Wir sind so vernetzt, dass das Signal, das wir erhalten, wenn wir Unterstützung durch Berührung erfahren, bedeutet: Wir schaffen es gemeinsam.
Dies gilt insbesondere für Liebespaare. Experimente an der Universität Harvard mit 69 verheirateten Paaren zeigten, dass die Paare, die sich häufig berührten, auch von einer befriedigenderen Beziehung berichteten.
Zum Schluß noch ein wesentlicher Punkt: Die körperlichen Zonen der Berührung werden natürlich von der Art der Beziehung zwischen den Menschen und dem Kulturkreis, dem sie angehören geprägt.
Also, bleiben Sie in Kontakt! –I. Mosblech-Kaltwasser

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