Fatigue-Risiko versechsfacht – Schädel-Hirn-Trauma verursacht häufig krankhafte Müdigkeit

Darmstadt – Nach einem Schädel-Hirn-Trauma (SHT) leiden mehr als 60 Prozent der Patienten an ausgeprägter Müdigkeit, dem sogenannten Fatigue-Syndrom. Therapien gegen die krankhafte Erschöpfung nach einer SHT sind bisher weitestgehend unbekannt. Klinische Neurophysiologen untersuchen Betroffene daher im Schlaflabor. Als Ursachen des erhöhten Fatigue-Risikos nach einem SHT stehen Depressionen, Angstzustände und Schlafstörungen zur Debatte. Neue Studien weisen darauf hin, dass auch ein verkürzter REM (Rapid Eye Movement)-Anteil im Schlaf und eine verminderte Melatonin-Produktion eine Rolle spielen könnten.
Eine Therapie mit diesem Hormon kombiniert mit einer Verhaltenstherapie oder einer Lichttherapie, halten Experten der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN) daher für vielversprechend.

Patienten mit Fatigue-Syndrom verarbeiten Informationen nur langsam. Vor allem nach geistiger Anstrengung klagen sie über Müdigkeit, sie können sich nur schwer konzentrieren oder motovieren. „Die Müdigkeit, die Menschen nach einem Schädel-Hirn-Trauma erleben, ist selten physischer Art sondern mental“, erklärt die DGKN-Expertin Professor Dr. med. Sylvia Kotterba, Direktorin der Klinik für Neurologie, Ammerland- Klinik, Westerstede. Während Betroffene körperliche Anstrengung wie etwa eine Stunde Gartenarbeit problemlos absolvieren, erschöpft sie eine Stunde Denkarbeit, etwa das Lösen eines Sudoku-Rätsels absolut. Im Gegensatz zu anderen Nebeneffekten der Hirnverletzung, wie etwa Kopfschmerzen, bleibt die krankhafte Erschöpfung oft dauerhaft bestehen. Sie ist der Hauptgrund, warum Betroffene nicht Vollzeit zurück in ihren Job gehen.

Auch Menschen ohne SHT klagen über Fatigue. „Jedoch versechsfacht ein Schädel-Hirn-Trauma das Fatigue-Risiko“, sagt die DGKN-Expertin. Um den bislang weitgehend unbekannten Auslösern des Fatigue-Syndroms auf die Spur zu kommen, untersuchen klinische Neurophysiologen mit Hilfe der sogenannten Polysomnografie die verschiedenen Körperfunktionen während der Nacht und erhalten so eine präzise Diagnose. „Die Polysomnografie ermittelt aus der Messung der Hirnströme, der Spannung der Kinnmuskulatur sowie der Augenbewegung die Schlafstadien. Ferner werden Extremitäten-Bewegungen, Atmung und Sauerstoffsättigung registriert, so Kotterba, Mitglied der DGKN-Kommission für Polysomnografie.

So lieferte die Polysomnografie erste Anhaltspunkte, dass der Anteil der REM-Phasen im Schlaf bei THS-Patienten mit Fatigue-Syndrom vermindert war. „Diese Phase, in der die meisten Träume stattfinden, ist vermutlich wichtig für Lernprozesse und Stressbewältigung“, erklärt Kotterba. Gleichzeitig fand sich eine verminderte Produktion des Hormons Melatonin, das den Schlaf-Wach-Rhythmus mitbestimmt. Durch ein SHT können Melatonin-bildende Zellen zerstört werden. Experten vermuten daher, dass eine Therapie mit diesem Hormon den Betroffenen helfen könnte. „Auch der Erfolg einer Lichttherapie muss überprüft werden“, sagt die Expertin für klinische Neurophysiologie. Vor allem kurzwelliges Licht verbessert die Wachheit, Stimmung und Aufmerksamkeit. In Kombination mit der schlafanstoßenden Wirksamkeit des Melatonins wird der Schlaf-Wach-Zyklus stabilisiert, die Tagesbefindlichkeit verbessert und somit Ängstlichkeit, Depression und Fatigue aber auch Einschlafneigung tagsüber vermindert.

Quelle:
“Fatigue and Sleep Disturbance Following Traumatic Brain Injury — Their Nature, Causes, and Potential Treatments”; J Head Trauma Rehabil, Vol. 27, No. 3, pp. 224–233, Mai/Juni 2012

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