Kunstausstellung // PRIVAT

Privat – das ist heute fast schon ein Wort aus der Vergangenheit. Kaum noch passend in Zeiten, da alles auf Facebook gepostet wird, vom Lieblingskochrezept bis zum aktuellen Beziehungsstatus. Exhibitionismus, Selbstenthüllung, Erzähllust, Zeigefreude und Voyeurismus sind die sozialen Strategien unserer Zeit, in der längst ein Strukturwandel der Öffentlichkeit stattgefunden hat. In der zeitgenössischen Kunst spiegeln Fotografien, Polaroids, Handyfotos, Objekte, Installationen und Filme häusliche Szenen und persönliche Geheimnisse. Vertrautes und Intimes wird ins Bild gesetzt.

Durch das Fenster eines Hinterhofs fängt beispielsweise Merry Alpern mit ihrer Kamera verschwommene Szenen hastiger sexueller Begegnungen ein, Akram Zaatari befasst sich in seiner romantischen Videoarbeit mit einem Onlinechat zwischen zwei Männern, und Fiona Tan vereint private Schnappschüsse aus unterschiedlichen Ländern zu großformati-gen Tableaus. Die Ausstellung unternimmt anhand von rund 30 künstlerischen Positionen eindrückliche Exkursionen an die fragilen Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Anderen.

Die Ausstellung „Privat“ wird durch die Kulturstiftung des Bundes gefördert. Das Konzept von Privatheit ist heute untrennbar mit der medialen Vermittlung verbunden. Der Wunsch nach immer schnellerer Kommunikation ist von größter Bedeutung, und vor allem die Medien Fotografie und Film ermöglichen eine schrankenlose Ausdrucksoffenheit. Die öffentliche Inszenierung privater Ereignisse, Homestories, Talkshows, Reality-TV, private Homepages, Chatrooms, digitale Fotoalben im Internet sowie die Präsentation von Persönlichkeitsprofilen für eine weltweite virtuelle Gemeinde sind Hinweise auf neue Formen öffentlicher Darstellung von Privatheit. Die aktuelle Debatte um den jüngst generierten Begriff der „Post-Privacy“ – der radikalen Offenheit des Persönlichen – stellt das bislang gültige Konzept von Privatheit in seiner Gesamtheit in Frage.

Die Ausstellung „Privat“ sucht eine kritische Auseinandersetzung mit den verschiedenen Bedeutungen von Privatheit sowie der Mechanik dieser spezifischen Bildproduktion. Den Auftakt der Ausstellung bilden Amateurvideos, Tagebücher und private Fotoalben, die ein fast schon nostalgisches Verständnis von Privatheit dokumentieren, welches sich ab den 1960er-Jahren dramatisch zu verändern beginnt. Das Persönliche wird politisch. Der geistigen Enge des biedermeier-lichen kleinen Glücks setzen die Künstler häufig Filme und Fotografien ihrer eigenen alternativen Lebensmodelle entgegen. Genderfragen, soziale Strukturen und die Organisation des täglichen privaten Lebens werden hier neu verhandelt.

Für sein Video „Sleep“ (1963) filmt Andy Warhol seinen damaligen Liebhaber, den Beatpoeten John Giorno, über fünf Stunden lang schlafend. Der französische Avantgardefilmer Michel Auder präsentiert sich mit obsessiver Auf-zeichnungswut in „Keeping Busy“ (1969) – seinem „it’s life film“ – im Zentrum bohemienhaften Lebens der 1960er-Jahre. Mark Morrisroes Polaroids zeigen intime Situationen seines schwulhedonistischen Lebens in der Punkszene von Boston und New York; sie erhalten durch handschriftliche Notizen eine besondere Authentizität. Auch die dysfunktionale Familie wird zu einem Thema, mit dem sich Künstler intensiv auseinandersetzen. Leigh Ledare dokumentiert die sexuel-len Beziehungen seiner Mutter. Richard Billingham präsentiert in seiner Serie „Ray is a Laugh“ das Elend seines Elternhauses in einem Sozialbau von Birmingham, indem er seinen Vater Ray und seine Mutter Liz in ihrem von Drogen und Eintönigkeit geprägten Alltag fotografisch festhält. Den Schwerpunkt der Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Verhältnis zwischen Privatheit und Öffentlichkeit bildet schließlich der Bereich „Post-Privacy“; dort werden die aktuellsten Positionen zum Thema präsentiert. So verwendet der Brite Mark Wallinger in der Installation „The Unconscious“ Handyfotos, die er aus dem Netz zusammengesucht hat; sie zeigen Menschen, die in der Bahn vom Schlaf übermannt wurden.

Mark Wallinger The Unconscious (O) , 2010_Teil der Installation The Unconscious, 2010
Courtesy carlier | gebauer and the artist
© DACS London

Auch Edgar Leciejewski, Peter Piller und Michael Wolf stellen die digitale Verfügbarkeit von Bildern über das Internet ins Zentrum ihrer Arbeiten. Christian Jankowski und Evan Baden beschäftigen sich mit den Auswirkungen der immer weiter voranschreitenden Digitalisierung und einer durch soziale Netzwerke und digitale Medien omnipräsenten Selbstdarstellungs- und Enthüllungskultur. Durch eine Persönlichkeit wie Ai Weiwei wird dagegen deutlich, welche wesentliche Bedeutung die Selbstdarstellung über das Internet – etwa durch Blogs und Twitter-Nachrichten – für die Verbreitung politischer Standpunkte und Bot-schaften haben kann.

 Künstler (Auswahl): Ai Weiwei, Merry Alpern, Michel Auder, Evan Baden, Richard Billingham, Mike Bouchet, Stan Brakhage, Sophie Calle, Tracey Emin, Hans-Peter Feldmann, Leo Gabin, Nan Goldin, Christian Jankowski, Edgar Leciejewski, Leigh Ledare, Christian Marclay, Ryan McGinley, Marilyn Minter, Gabriel de la Mora, Mark Morrisroe, Laurel Nakadate, Peter Piller, Dash Snow, Fiona Tan, Mark Wallinger, Andy Warhol, Michael Wolf, Kōhei Yoshiyuki, Akram Zaatari

Kuratorin: Martina Weinhart

1. November 2012 – 3. Februar 2013

SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, Römerberg, D-60311 Frankfurt.

KATALOG:  Privat. Herausgegeben von Martina Weinhart und Max Hollein. Vorwort von Max Hollein, Einführung von Martina Weinhart, Texte von Boris Groys, Christian Heller, Jan Verwoert und Lisa Beißwanger sowie Interviews mit Künstlern. Deutsch/englisch, ca. 240 Seiten, ca. 200 farbige Abbildungen, Gestaltung: Moiré. Marc Kappeler, Zürich, Distanz Verlag, Berlin 2012.

 

 

 

Bildnachweis: Nan Goldin// Simon and Jessica Kissing in the Pool, Avignon, 2001

Aus: Heartbeat, 2000/01 Zusammengestellt 2012 Digitale Diaschau
Soundtrack: Prayer of the Heart von John Taverner, interpretiert von Björk and the Brodsky Quartet
Courtesy Nan Goldin © Nan Goldin

 

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