Nur ein Toter mehr // BuchTipp

Seine Liebe gilt den Büchern. Ganz besonders schwärmt Sancho Bordaberries für Chandler und Hammet & Co. Sie sind seine Vorbilder, doch trotz großer Anstrengung und Mühe will es mit seiner Karriere als Autor spannender Kriminalromane nicht klappen. Seine bewährte Mitarbeiterin und schärfste Kritikerin weiß auch genau, woran er scheitert: Seine Vorstellungskraft ist nicht groß genug. Die Konstruktionen unrealistisch und abgehoben. Auch sein letzter Versuch ist misslungen, also ab ins Meer damit. Nun will sich Sancho nur noch um seine kleine Buchhandlung kümmern.

Doch liegt es wohl an der Magie des Meeres und den tosenden Wellen, die das Manuskript gnadenlos in den Abgrund des Meeres befördern, dass er plötzlich die Gründe seines Versagens und auch gleich die Lösung sieht: Denn hier starb vor 10 Jahren ein Mensch, festgekettet an einen ins Meer ragenden Felsen. Nie wurde das Verbrechen aufgeklärt. Spanien leidet unter Francos Machtherrschaft, niemand interessiert sich heute mehr für diesen Fall.
Wenn er sich als Privatdedektiv dieses Kriminalfalls annähme, wäre auch sein größtes schriftstellerisches Problem gelöst: Als Ermittler wäre er so dicht wie nur möglich an der Auflösung des Falls beteiligt und damit würde er als Schriftsteller von der unschlagbaren Kraft der Realität profitieren. Und schon hat das kleine Dorf im Baskenland einen Privatdedektiv…

Ein etwas anderer Kriminalroman, der literarisch überzeugend und höchst amüsant den Leser ins Baskenland der Nachkriegszeit entführt. Dabei versteht es der Autor klug, auf die Schreckensherrschaft des Franco-Regimes hinzuweisen, unter dem insbesondere die Basken leiden mußten, ohne auch nur etwas von seiner erzählerischen Leichtigkeit einzubüßen.

dtv premium

Nur ein Toter mehr
Ramiro Pinilla
Kriminalroman
Aus dem Spanischen von Stefanie Gerhold
Deutsche Erstausgabe
288 Seiten
ISBN 978-3-423-24911-9
Mai 2012

Ramiro Pinilla, 1923 in Bilbao geboren, gilt als einer der bedeutendsten baskischen Schriftsteller der Gegenwart. Nach großen Erfolgen in den 60er Jahren (1960/61 erhielt er den Premio Nadal und den Premio de la Crítica für ›Las ciegas hormigas ‹ dt. ›Die blinden Ameisen‹, DVA 1963) verabschiedete er sich 1971 vom offiziellen spanischen Literaturbetrieb, hörte aber nie auf, zu schreiben. Erst 2004 trat er wieder ans Licht der Öffentlichkeit – mit seinem monumentalen baskischen Familienepos ›Verdes valles, colinas rojas‹, für das er die bedeutendsten Literaturpreise Spaniens, den Premio de la Crítica 2005 und den Premio Nacional de Narrativa 2006 erhalten hat und das nach Auffassung der Kritiker einer der wichtigsten spanischen Romane der letzten Jahrzehnte ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.