Viel Werbung, wenig Aufklärung – Politik muss bei IGeL dringend handeln

Mit Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) setzen Arztpraxen in Deutschland jährlich mindestens 1,5 Milliarden Euro um. Dennoch klären sie Patienten häufig nicht in der vorgeschriebenen Weise auf, setzen sie massiver Werbung aus und wickeln das Geschäft in manchen Fällen nicht einmal mit einem Vertrag oder einer Rechnung ab. Das ergab eine bundesweite Online-Umfrage der Verbraucherzentralen von April bis Juni 2012, an der sich mehr als 1.700 Verbraucher beteiligten.
„Viele Ärzte nutzen das Vertrauen der Patienten aus, wenn sie vom Helfer zum Verkäufer werden“, sagt Gerd Billen, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv). Er fordert: „Die Bundesregierung muss das Patientenrechtegesetz nachbessern, damit IGeL strengeren Regeln unterliegen. Selbstzahlerleistungen sollen der Gesundheit dienen, nicht die Sebstbedienungsmentalität mancher Ärzte befeuern.“

Die Umfrage ergab, dass Ärzte Verbrauchern besonders häufig eine Glaukomfrüherkennung, Ultraschall, den PSA-Test und zahnärztliche Behandlungen verkaufen. Mit 82 Prozent der IGeL kamen die meisten Behandlungen nicht auf Initiative der Patienten zustande, obwohl eine Selbstverpflichtung der Ärzte das vorsieht. In fast jedem zweiten Fall (49 Prozent) war das Praxispersonal direkt am Verkauf beteiligt.

Besonders dramatisch waren die Ergebnisse bei der Aufklärung der Patienten: Nur jeder Vierte (23 Prozent) erinnerte sich daran, dass er über Risiken aufgeklärt wurde; über den individuellen Nutzen fühlte sich nur jeder Zweite (53 Prozent) informiert. Ausreichende Bedenkzeit gab es auch nur in jedem zweiten Fall (51 Prozent). Eine Kosteninformation vorab fehlte bei jedem Vierten (24 Prozent), bei jedem Fünften auch die Rechnung (20 Prozent).

Besserer Schutz durch Patientenrechtegesetz

Einen besseren Schutz gegen unseriöse Praktiken beim Verkauf von IGeL hätte das Patientenrechtegesetz bringen sollen, mit dem sich der Gesundheitsausschuss des Bundestags in einer öffentlichen Anhörung am 22. Oktober beschäftigt. vzbv-Vorstand Billen sieht erheblichen Nachbesserungsbedarf am Entwurf: „Gesetzliche Regeln für Selbstzahlerleistungen dürfen um stationäre Behandlungen keinen Bogen machen. Die Politik muss Ärzte unmissverständlich verpflichten, Patienten umfassend über das Für und Wider, die Behandlungsalternativen und Kosten zu informieren.“

Damit unterstreicht der vzbv entsprechende Ergänzungen des Gesetzes, die der Bundesrat vorgeschlagen hat. Zudem fordert der vzbv, dass Behörden und Kammern Rechtsverstöße konsequent verfolgen. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) mit Vertretern aus Ärzteschaft, Kassen und Verbänden sollte zügiger entscheiden, für welche Leistungen die Krankenkassen zahlen.

Individuelle Gesundheits-Leistungen (IGeL) sind medizinische Leistungen, die die gesetzlichen Krankenkassen nicht zahlen. Mindestens 350 IGeL-Arten sind aktuell bekannt, zum Beispiel Ultraschall-Untersuchungen, Vorsorge vor grünem Star (Glaukomdiagnostik) oder professionelle Zahnreinigung. Laut Schätzungen werden jedes Jahr etwa 1,5 Milliarden Euro mit IGe-Leistungen umgesetzt.

Bildquelle: Bettina Kubanek

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