Wichtig für die seelische Gesundheit: Das bewusste Erleben des Augenblicks

Viele Menschen haben damit Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit bewusst auf Dinge zu lenken, die gerade passieren und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. „Vom bewussten Erleben des Augenblicks lässt man sich leicht durch Erinnerungen oder Nachdenken über die Zukunft ablenken“, erläutert Dr. Roger Pycha von der Sektion Trentino-Südtirol der italienischen Gesellschaft für Psychiatrie in Bozen. „Zudem werden die Gedanken meist durch die aktuelle Stimmung beeinflusst. Bei Menschen mit psychischen Problemen kann dies soweit führen, dass das Erleben eines an sich positiven Moments verblasst und Traurigkeit, Grübelgedanken oder einfach nur schlechte Stimmung die Oberhand behalten.“ Das bewusste Erleben des Augenblicks ist daher ein wichtiger Bestandteil der seelischen Gesundheit.

Spezielle Übungen können helfen, die eigene Achtsamkeit zu verbessern oder unter Umständen wieder zurück zu gewinnen. „Es geht darum, die Wahrnehmung des aktuellen Augenblicks zu verbessern sowie Konzentrationsfähigkeit, Genussfähigkeit und die Stimmung günstig zu beeinflussen“, erklärt Dr. Pycha. „Zudem sollen die Übungen dazu beitragen, das Erlebte zunächst einmal weder positiv noch negativ zu bewerten. Dadurch kann es gelingen, eine innere Distanz zu intensiven, im Extremfall als unkontrollierbar empfundenen Gefühlen aufzubauen. So können die Betroffenen lernen, Gefühle wieder besser wahrzunehmen und mit ihnen umzugehen.“

Eine geschulte Achtsamkeit kann auch im Umgang mit anderen Menschen nützlich sein. Sie hilft, Missverständnisse und häufiges aneinander vorbeireden zu vermeiden. Stattdessen fällt es leichter, sich auf seinen Gegenüber einzulassen, ohne sich selbst aus den Augen zu verlieren.

Es gibt eine Vielzahl von Übungen, um seine Achtsamkeit zu verbessern. „Eine Möglichkeit besteht darin, sich eine Weile ganz bewusst auf die eigene Atmung zu konzentrieren“, empfiehlt der Psychiater und Psychotherapeut. „Oder man achtet ganz gezielt auf das was man hört oder sieht.“ Bewährt hat sich auch, bestimmte Tätigkeiten, wie einen Tee zu zubereiten oder das Geschirr abzuwaschen, mit großer Achtsamkeit auszuführen. „Dabei kommt es auf die intensive Wahrnehmung des jeweiligen Augenblicks an, ohne diesen als gut oder schlecht, angenehm oder unangenehm zu bewerten“, betont Dr Pycha. Störende Gedanken sollte man in diesen Momenten ziehen lassen.

Auch augenscheinlich sinnlose Konzentrationsübungen können sich zum Üben von Achtsamkeit eignen. „Eine Übung besteht darin, ein rohes Ei aufrecht vor sich hinzustellen“, so Dr. Pycha. „ Für viele ist es besonders schwer, diesen Versuch nicht zu bewerten, weil er ja offensichtlich sinnlos ist. Es geht darum, sich ganz auf den Versuch selbst zu konzentrieren und währenddessen andere Gedanken beiseite zu legen.“ Wer mit Achtsamkeitsübungen beginnt, sollte dafür täglich einige Minuten fest einplanen.

Das Üben von Achtsamkeit ist seit Jahrtausenden fester Bestandteil spiritueller und religiöser Riten. Durch den zunehmenden Einfluss fernöstlicher Lebensphilosophien wächst hierzulande die Bedeutung von Achtsamkeitsfähigkeiten ebenso wie durch ihren zunehmenden Stellenwert in der Psychotherapie. Hier gibt es mittlerweile eine Vielzahl von Anwendungsbereichen für Achtsamkeitsübungen, so beispielsweise in der Therapie von Borderline-Persönlichkeitsstörungen und von Depressionen.

Quelle: www.psychiater-im-netz.org

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